In ihrer fast 400-seitigen Schrift „Politik der Parole – Ästhetische Praktiken politischer Mobilisierung“ wirft die _Kulturwissenschaftlerin Daphne Weber einen historischen Blick auf die Geschichte der Protestbewegung und analysiert, wie die sogenannte Parole sich konstituiert und sich im Laufe der Geschichte durch „Formenwandel an und für sich“ verändert
Was ist eine Parole?
Die Parole, so Daphne Weber, sei ein rhetorisches Werkzeug, das oft mit „Verdinglichung“ arbeite. Eine Parole zeichne insbesondere Emotionalisierungen aus: Das Erzeugen von Zustimmung oder Abgrenzung sei ihr spezifischer Inhalt. Daraus könne ein Gefühl für ein Kollektivum entstehen. Die Parole verlange zwingend eine Verkürzung, da das Format, in dem die Parole stattfinde, sich durch Platzmangel auszeichne. Parolen sind nach Daphne Weber die kleinsten Einheiten der Sprache, die grosse Macht enfalten können.
Von der Weimarer Republik bis zur Memification der Parole
Die Parole als Mittel zur politischen Mobilisierung zieht sich durch die Geschichte, wenngleich die Form ihre Gestalt und ihre Bestimmung stetig ändert. So charakterisiert die Autorin in den 1920ern die Parole als den „Sprechchor der Arbeiterbewegung“. Dieser diente jedoch nicht nur der Agitation- sondern stellte auch ein genuines Interesse der proletarischen Bewegung an künstlerischer Teilhabe dar. Der Sprechchor konnte dazu verhelfen, „Dinge zu artikulieren, die auszusprechen der Einzelne nicht in der Lage war und damit zur Bildung eines Kollektivsubjekts beitragen.“
Sind Parolen „Kunst“?
Die Ausdrucksweise ist jedoch keine rein mündliche, die Parole wird in verschiedenen Formen inszeniert: Auf Flugblättern und Plakaten, oder sie findet, in der späteren technischen Entwicklung, über elektronische Medien Verbreitung. Die künstlerische Ambition der Arbeiterbewegung lässt sich auch dort nachvollziehen, wo Plakate und Flugblätter neben der schriftlichen Parole llustrationen beinhalten, um die Wirkung der Parole zu verstärken. Die Form der Parole war historisch eine stets künstlerische, dadurch erlangt sie, im Gesamtkontext betrachtet, eine „Aura des Kunstwerks“. Einzeln hat die Parole diese Eigenschaft, als reine politische Verknappung aber nicht zwingend. Der künstlerische Inhalt ist kein fester, sondern muss aktiv und individuell in die Parole verwoben werden.
Am Ende der Schrift wird ein Ausblick auf mögliche Veränderungen der Parole im heutigen technologisierten Zeitalter gegeben. Dabei wird eine gewisser Zynismus spürbar, jedoch weniger als Haltung der Autorin, sondern als Beschreibung einer aktuellen Entwicklung: „Durch die Memification wirken Parolen zunehmend wie Parodien ihrer urpsünglichen Funktionen. Anstatt weiterhin agitativ Massen zu mobilisieren, scheinen sie heute oft eher in humoristischen oder ironischen Kontexten zu zirkulieren, wobei höchstens noch kleinere Veränderungen innerhalb des bestehenden Systems eingefordert werden.“ So zeugen Parolen wie die der Linksfraktion „Mieten steigen nicht, sie werden erhöht“ eher von einem politischen Fataismus, als dass sie moblisieren würden.

Brauchen wir überhaupt Parolen?
Die Sinnhaftigkeit der Parole als Werkzeug politischer Kommunikation hat mich während des Lesens stetig beschäftigt. Verfütgt sie tatsächlich über ein ästhetisch-politisches Momentum, das für emanzipatorische Bewegungen Tragweite besitzt? Oder bedeutet die Memefication in ihrer unüberschaubaren Beliebigkeit nicht das Ende der politischen Parole, die auf den Screens der Handies ihre Aura zu verlieren droht.
Freilich tragen Parolen seit jeher ein starkes dialektisches Momentum in sich. Ursprünglich sind sie im Rahmen einer militaristischen Ästhetik entstanden. Die proletarische Bewegung hat sich diese Ästhetik früh anzueignen gewusst. Gerade in dieser Aneignung zeigt sich bereits die doppelte Struktur der Parole: Ein ursprünglich herrschaftliches Ausdrucksmittel wird in ein Instrument kollektiver Artikulation umgewandelt. Die Form bleibt dabei häufig dieselbe – _kurz, prägnant, rhythmisch –doch ihr politischer Gehalt verschiebt sich. Dadurch wird deutlich, dass die Parole historisch nie ein statisches Phänomen war, sondern sich stets innerhalb gesellschaftlicher Auseinandersetzungen transformiert hat.
Ein Momentum der ersten Analyse
Bei aller Kritik, die an Parolen geäußert werden kann, wie die Verknappung und Fehlinterpretation des Gegenstands, kann die Parole auch ein Momentum der ersten Analyse sein. Ihre notwendige Kürze zwingt zur Zuspitzung und Verdichtung, wodurch komplexe gesellschaftliche Verhältnisse zunächst in eine zugängliche Form gebracht werden. Sie darf nicht als Endpunkt einer Analyse verstanden werden, sie kann Agitationsfiguren aber dazu anregen, sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen intensiver zu beschäftigen. In diesem Sinne fungiert sie weniger als vollständige Theorie, sondern vielmehr als Ausgangspunkt politischer Bewusstwerdung und als Einladung zur weiteren Auseinandersetzung.
Auch kann die Parole einen ersten Moment einer ästhetischen Annäherung bedeuten, da die Welt der Kunst oft elitär ist und die proletarische Welt nicht tangiert. Die Parole Ästhetik wieder auf die Straße bringen, indem sie sprachliche Form, Rhythmus und Bildhaftigkeit in den öffentlichen Raum trägt. So kann sich das proletarische Bewusstsein künstlerisch artikulieren, ästhetische Ausdrucksformen verbleiben nicht länger ausschließlich im institutionellen Kunstbetrieb, sondern werden Teil alltäglicher, politischer Praxis. Die Parole steht damit an der Schnittstelle zwischen politischer Artikulation und ästhetischer Erfahrung.
Ein Beispiel für eine solche Agitation ist eine der bekanntesten linken Parolen, „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“, die der Dichter Georg Büchner im formulierte. Er veröffentlichte diesen Aufruf 1834 als zentralen Slogan in seiner Flugschrift Der Hessische Landbote, die zum Widerstand gegen die soziale Ungleichheit im Großherzogtum Hessen aufrief. Daran wurde deutlich, dass Parolen den öffentlichen Resonanzraum füllen müssen. Ihre Wirkung entfalten sie erst dort, wo sie kollektiv ausgesprochen, gehört und wiederholt werden können.
Es ist ähnlich, wie Walter Benjamin schon schrieb: „Kritik muß in der Sprache der Artisten reden. Denn die Begriffe des cénacle sind Parolen. Und nur in den Parolen tönt das Kampfgeschrei.“ (1928)
Marie Hügel ist Studentin der Humanbiologie in Hamburg, Mitarbeiter des ROTEN SALON – und wird den Abend mit Daphne Weber moderieren.


